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Als Künstlerin interessieren mich seit jeher soziale wie physikalische Ordnungs- und Verständigungssysteme – Beziehungen, in denen Menschen und Dinge zueinander stehen.
Ein Klang entsteht durch das Aufeinandertreffen von zwei Elementen: des Bogens auf die Saite, des Absatzes auf den Boden, der Stimmbänder aufeinander usw.
Außerdem definiert er sich durch den Raum, in dem er entsteht, und die Position der hörenden Person. Dies trifft im weiteren Sinne auch auf reproduzierte und akusmatisch wiedergegebene Klänge zu, wo dann die Elektrizität zur wichtigen Mitspielerin wird: Schall als bewegte Luft trifft auf Membran (Aufnahme). Membran bewegt dann wieder Luft und produziert Schall (Wiedergabe).
Klangkunst steht seit meinem Abschluss an der Akademie der bildenden Künste im Zentrum meiner künstlerischen Arbeit. Ich setze häufig Schallkörper, Geräusch, Elektronik, Radiointerviews und Stimmen in raumsituativen Installationen und Objekten ein.
Konzepte des neuen Materialismus, von Donna Haraway angestoßen und von Theoretikerinnen wie Karen Barad weitergeführt, begreifen Dynamiken nicht nur als ideelle Konstrukte, sondern sind vom Material aus gedacht. Aus dieser Perspektive sehe ich klangkünstlerische Praktiken als Form, um körperlich-habituelle Wissensformen umzusetzen und in einem forschenden Ansatz das Erkennen von Struktur- und Funktionsbeziehungen sinnlich erfahrbar werden zu lassen.
Beeinflusst vom phänomenologischen Denken gehen meine Arbeiten oft von bestimmten Materialien aus, um sie nach und nach in ihrem soziokulturellen Kontext zu betrachten und sie paradigmatisch für Bedeutungszusammenhänge zu begreifen. Recherche und kontextualisiertes Arbeiten im Hinblick auf gesellschaftspolitische, zeitgeschichtliche und kulturtheoretische Fragestellungen sind dabei eine Querschnittsmaterie.
Ich nutze gerne das sinnliche Potential von Rauminstallationen, um mehrdeutige Prozesse und Gleichzeitigkeiten zu betrachten, und bleibe dabei bei einer einfachen und begreifbaren Form.
Als Musikerin arbeitete ich seit vielen Jahren mit Geräuschen als Klangmaterial, damit, was unsere alltägliche Hörumgebung prägt, und setze es gezielt ein. Ich baue dazu Gerätschaften, die zumeist aus einer Umwidmung von Gefundenem in Verbindung mit DIY-Elektronik entstehen und inszeniert werden. Der digitale Aspekt tritt bei meinen Arbeiten gegenüber dem mechanischen Aspekt meist in den Hintergrund. Ich verwende einfache Schaltungen mit Mikrocontrollern wie z.B. Arduinos und Transistor- und Relaisschaltungen zur Steuerung von Motoren und anderen Aktuatoren. Zur interagierenden Wiedergabe von Audiomaterial verwende ich häufig Platinen wie z.B. Wav-Shields von Robertsonic, die durch verbundene Schaltkreise und Sensoren die Parameter der Klangwiedergabe steuern.
Geräuschteppich
Der Geräuschteppich etwa ist ein Environment für eine Konzerterfahrung aktiver ZuhörerInnen. Drucksensoren unter dem Teppich steuern verschiedene Klangobjekte, die aus modifizierten und motorisierten Alltagsgegenständen entwickelt wurden. Durch das Betasten und Begehen werden die verschiedenen Triggerpunkte langsam entdeckt. Hüpfende Ping-Pong-Bälle, klirrende Gläser oder brummende Plüschbüschel kommen hier ebenso zum Einsatz wie Metallfedern oder Murmeln. Die Objekte sind kleinteilige mechanische Konstruktionen, die durch einen elektrischen Impuls angetriggert werden und subtil klingende akustische Ereignisse auslösen. Sie sind Instrumente im Sinne eines gezielt evozierbaren Klanges, der modifiziert und präpariert wurde und durch die direkte Interaktion abgerufen werden kann.
Gehend, stehend, liegend oder auch rollend können mit aktivem Körpereinsatz verschiedene Konstellationen ausgelöst werden. Der Geräuschteppich ist ein kollaboratives Rauminstrument, eine Installation, die von den BesucherInnen durch ihre Bewegungen bespielt werden kann. Die Geräuscherzeuger*innen funktionieren ohne Verstärkung und mit minimaler Stromspannung – Stromsparmusik sozusagen.
Strom als Material?
Vor über 10 Jahren plauderte ich auf einer Zugfahrt mit einem Holzbildhauer, und wir kamen auf das Thema Kunst. Der Begriff Neue Medien war ihm offensichtlich etwas suspekt, und so fragte er mich wiederholt: „Aber was ist mit dem Material? Was ist dein Material?“.
Tatsächlich brachte mich diese Frage in die Bredouille, und so antwortete ich schließlich, mehr im Scherz: „Mein Material ist Strom“.
Diese spontane Antwort erschien mir erst banal, erwies sich in weiterer Folge als einer der Schlüsselsätze für meine künstlerische Praxis. In der zeitgenössischen Musik und Medienkunst ist die Elektrizität fast immer die dritte Mitspielerin. Sie ist nicht nur ein Werkzeug oder Mittel zum Zweck, sondern ist ein Medium für sich. Der elektrische Strom ist eine physikalische Kraft, die fast allen Aspekten unserer Wirklichkeit zugrunde liegt und gesellschaftskonstituierend ist. Weder die Entwicklung des Kapitalismus noch die der Informationsgesellschaft wäre ohne einen gewaltigen Umsatz von Strom möglich gewesen. Neben direkter Verbrennung ist elektrischer Strom der Antrieb der modernen Welt; um ihn zu generieren, werden gewaltige ökologische Schäden in Kauf genommen. Strom ist ein anorganischer Verhandlungspartner in Prozessen und Gefügen.
„Circuit – Entangled Structure I“ beschäftigt sich sehr konkret mit Strom. Es ist ein kinetisches Objekt, ein Mobile aus verschiedenen recycelten Kupfermaterialien, die in ihrer ursprünglichen Funktion direkt oder indirekt zur Leitung von elektrischem Strom verwendet wurden. Auch in der Installation stehen sie unter (sehr niedriger) Spannung und sind in Bewegung. Wenn sich die Teile berühren, werden Schaltkreise geschlossen und lösen dadurch Klänge aus.
Aus einer Wolke von Fragmenten aus Radiosendungen zum Thema Strom, Zitaten und Stromgeräuschen formiert sich je nach der momentanen Konstellation ein anderes Narrativ. So entsteht ein interagierendes, modulares Hörstück in einem räumlich-situativen Erfahrungsraum, das sich mit Utopien und Dystopien, Anekdoten und Spekulationen auseinandersetzt.
Ausgehend von Mensch-Material-Beziehungen entspinnt sich hier ein sozialer und politischer Zusammenhang von gesellschaftlichen Beziehungen, ökologischen Dimensionen und Machtkonstellationen.
Erzählung
Besondere Bedeutung haben für mich Aufnahmen der menschlichen Stimme. Ich arbeite häufig mit Interviews, Sprachfragmenten, Spoken Word und Literatur und verwende sie in situativen Klanginstallationen.
Zum Beispiel wurden in der gemeinsam mit der Literatin Verena Dürr für das Festival „Brachiale“ entwickelten Arbeit „Brachliegen“ (2024) mehrere Lautsprecher in einen Erdhügel eingegraben. Das Hörstück, das so erklingt, kann man entspannt liegend aus der Wiese hören.
Es ist eine Collage aus literarischen Texten, musikalischen Elementen, plaudernden Reflexionen über das Brachliegen im sozialen wie ökologischen Sinne, einem Rapsong über die allmächtige Müllhalde der Fraggles und Interviewfragmenten, bei denen verschiedene Menschen gefragt wurden, was sie machen würden, wenn sie ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen würden.
Interviews stehen in Hörstücken und Klanginstallationen für mich oft im Zentrum und sind eine große Herausforderung im Spannungsfeld von Dokumentation und künstlerischer Umsetzung.
Insbesondere bei narrativen Interviews verknüpfen sich verschiedene Beziehungsebenen: Bei den oft langen Aufnahmen mit der Gesprächspartner*in entsteht beim Zuhören meist eine intensive Gesprächsverbindung, die dabei hilft, Essenzen aus den Gesprächen im anschließenden Bearbeitungsprozess herauszufiltern. Dennoch bleibt dies immer eine Annäherung, die keinen Anspruch auf Wahrheit und Objektivität stellen darf.
Für die Zuhörenden der Installation bleibt die unmittelbare dialogische Ebene meist verborgen, doch auch in den Fragmenten ist eine gewisse Nähe und Intimität spürbar. Die Stimme transportiert nicht nur die bloße Erzählung von Fakten, sondern auch die feinen Nuancen der Stimmungslage, die Persönlichkeit der Sprechenden, Nachdruck, Zweifel, Unsicherheit etc.
Die oft widersprüchlichen Aussagen verschiedener Personen stellen unterschiedliche Bezüge zueinander her, die jenseits eines Anspruches auf dokumentarische Wahrheit einen multiperspektivischen Hörraum eröffnen.
Ohne Anspruch, diese Anforderung einlösen zu können, möchte ich dennoch mit einem Zitat von Maria do Mar Castro-Varela und Nikita Dhawan1 aus ihrer kritischen Einführung zur postkolonialen Theorie schließen:
„Kritischen Intellektuellen kommt die Aufgabe zu, Räume zu schaffen, in denen die Anderen gehört werden, und andere, bisher unbeachtet gebliebene Perspektiven freizulegen, die bisher nicht als wertvoll qualifiziert waren.“
- 1
Castro Varela, María do Mar; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung Hrsg. v. Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis, Bielefeld 2005
Christine Schörkhuber
Christine Schörkhuber studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und ist als Medien- und Klangkünstlerin tätig. Sie arbeitet primär mit Elektronik und Rauminstallation, Objekt und Komposition und beschäftigt sich zudem mit der Dynamik von Beziehungen und Ordnungssystemen auf sozialer, physikalischer sowie technologischer Ebene. Sowohl im nationalen als auch internationalen Kontext beteiligte sie sich schon an zahlreichen Ausstellungen. 2014 erhielt sie das New Austrian Sound of Music Stipendium des BMEIA, 2019 den Medienkunstpreis des Landes Niederösterreich und 2021 den SKE Publicity Award. Sie ist zudem Mitbegründerin und Kuratorin des Klangkunstfestivals Klangmanifeste und der nicht-proprietären Streaming-Plattform echoraeume sowie Vorstand des Vereins Symposion Lindabrunn.
Artikelthemen
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